die Förderung ...
der Heimatpflege zwischen den Heimatgebiet ansässigen und den außerhalb des Heimatgebietes lebenden Landsleuten
„Theodor Fontane“
Guben vor 100 Jahren
Die Gubener Zeitung, von 1871 bis 1944 kann auf Rollfilm in den Räumlichkeiten der Stadtbibliothek Guben eingesehen werden.
Im Online-Archiv der Gubener Zeitung haben wir für Sie einige Beiträge von 1901 bis 1921 zusammengestellt.
Rauchende Frauen auf der Eisenbahn. Neuerdings ist wieder die Streitfrage aufgetaucht, wie rauchende Damen im Eisenhahnverkehr zu behandeln seien, da § 18 der Verkehrsordnung das Rauchen in den Nichtraucher- und Frauenabteilungen (selbst mit Zustimmung der Mitrei-senden) verbietet. Man spricht schon davon, daß die Eisenbahnverwaltungen wohl bald erwä-gen müßten, ob sich die Einführung von "Damenabteilen für Raucherinnen" empfehlen wür-de. Daran ist, wie eisenbahnseitig erklärt wird, gar nicht zu denken. Vor der Hand gilt das Rauchen noch als eine auschließlich männliche Gewohnheit; die Frauenabteile sind aber nur für solche Damen eingerichtet worden, welche nicht mit Männern und nicht mit Rauchern zusammen reisen wollen. Diejenigen Damen also, welche jene männliche Gepflogenheit an-genommen haben und darauf im Koupee nicht verzichten wollen, gehören in das Raucherab-teil, wo sie für ihre Passion wohl auch das nötige Verständnis finden dürften.
Behütet die Säuglinge. Viele Familien unserer Stadt sind in dieser ernsten großen Zeit der Ernährer beraubt. Das Vaterland rief sie zu den Waffen. Eine große Zahl von Müttern ist dadurch gezwungen, außerhalb des Hauses Arbeit anzunehmen. Eine jede Mutter, die genötigt ist außerhäuslich erwerbstätig zu sein, kann ihren Säugling in der Krippe des Säuglingsfürsorgeheims, Alte Poststraße 41a, tagsüber in Pflege geben. Das Säuglingsfürsorgeheim will helfen, den Müttern ihre Sorge abzunehmen und ihr Liebstes tagsüber behüten. Das Pflegegeld beträgt für die Dauer des Krieges pro Woche 2 M und ist jedesmal für eine Woche im voraus zu entrichten. Das Kind wird dafür täglich gebadet, mit der Wäsche des Heims gekleidet und erhält aus der Milchküche die vom Arzte vorgeschriebenen Tagesportionen. Nächstältere Geschwister im 2. und 3. Lebensjahre können mit aufgenommen werden; bei diesen stellt sich das Pflegegeld auch auf 2 M pro Woche. Die Kinder werden auch täglich gebadet und voll beköstigt. Für sorgfältige Wartung und Beköstigung ist gesorgt…

Stadttheater in Guben - Eröffnungs-Vorstellung
Unsere Genossenschaftsbühne öffnete gestern wieder ihre Pforten zur Winterspielzeit 1915/16. In unserem Vorbericht zur Eröffnung des Stadttheaters wurde bereits hervorgehoben, daß das große, blutige Weltdrama, daß wir Gegenwartsmenschen vor unseren Augen sich abspielen sehen, nicht ohne Einfluss auf Geist und Charakter geblieben ist und daß auch im Theater der gehaltvolleren literarischen Kost der Vorzug vor oberflächlichen Tändeleien gegeben und das Theater wieder das werden sollte, was es einst war; eine Quelle geistiger und seelischer Erbauung. Wir haben es daher freudig begrüßt, daß nach dem veröffentlichten Spielplan unsere Klassiker wieder mehr zu Worte kommen sollen als ehedem und setzen dabei auf die ernstere Sinnesrichtung des Publikums auch die Hoffnung, daß die Direktion den diesem ihrem Bestreben die fördernde Unterstützung der Allgemeinheit und der Theaterbesucher im besonderen finden möge.
Die gestrige Eröffnungsvorstellung ließ sich nach dieser Richtung gut an. Mit frohem Wagemut hatte die Direktion Grillparzers klassisches Drama „Sappho“ zur Aufführung auserwählt und groß war die Zahl derer, die da kamen, zu schauen und zu - genießen, denn die mit vielen Fleiß vorbereitete Aufführung bot, wie schon vorweg festgestellt sei, dank der vortrefflichen Darstellung und der prächtigen Inszenierung einen wirklichen Kunstgenuß. Wie es sich an einem so weihevollen Festspielabend geziemt, war auch unsere Stadtkapelle zur Stelle; sie trug einleitend unter Leitung des Herrn Alfred Wolff dem Jüngeren recht brav und mit guter Wirkung das Vorspiel zu der Oper „Titus“ von Mozart vor.
Mit seinem Trauerspiel „Sappho“ trat der bis dahin verkannte Grillparzer in die Reihe der ersten dramatischen Dichter Oesterreichs. Ihm war der Dichter ein Auserwählter, ein Geweihter, ein Priester, den eine Schranke von der übrigen Menschheit trennt, der Verzicht leisten müsse auf die gemeinen Freuden des Lebens, um sich im Innersten die Seele rein zu halten. Von diesem Standpunkt aus will auch „Sappho“ betrachtet sein, welche die Kluft zeigen soll, zwischen den profanen Leben und dem überragenden Dichter, zwischen naiver Natur und reflektieren der Genialität.
Eine „Sappho“ zu verkörpern, haben sich unsere größten Schauspielerinnen - wir nennen nur Charlotte Wolter, Haverland, Rosa Poppe - zur Ehre angerechnet. Gestern war die schwere Rolle der neuengagierten ersten Heldin unserer Bühne, Adelheid Mannstaedt, anvertraut. Die Art und Weise, wie sie sich als „Sappho“ gab, zeugte von einem fleißigen Studium und guten Erfassen der Wesensart der ruhmgekrönten lesbischen Dichterin. Sie ließ eine ganze Skala von Empfindungen menschlichen Glückes und menschlichen Leidens erklingen und erfreute durch den Wohllaut ihres Organs, die Klarheit ihrer Sprache und eine hoheitsvolle Haltung. Ihr ergreifendes Spiel hinterließ einen tiefen Eindruck. Obwohl wir der Künstlerin den Ihr gespendeten Beifall von Herzen gönnten, hätten wir gewünscht, daß Sie nach dem Fallen des Vorhanges, am Schlusse des letzten Aktes, nicht mehr vorgetreten wäre, um die Illusion von „Sapphos“ Tode aufrecht zu erhalten und die Stimmung nicht zu zerreißen. Wenn Fräulein Mannstaedt hält, was sie bei ihrem ersten Auftreten versprach, wird sie oft genug noch Gelegenheit haben, Beifallsbezeugungen auf offener Bühne entgegenzunehmen. - Die neuengagierte „Sentimentale“ unserer Bühne , Anna Röhl , stellte sich als eine liebliche Melitta vor, die der sehnsuchtsvollen Beklommenheit des Herzens , dem Wehgefühl der Verlassenheit , der verbotenen Liebe und der Schuld guten Ausdruck gab. Den naiven Phaon gab der„ jugendliche Held“ Karl Boese. Von seiner Teilnahme am Feldzuge der haftet ihm wohl noch etwas die „rauhe Stimme des Kriegers“ an, im übrigen gab er den erst zu träumerischen und dann zu raschen Phaon, der einen Edelstein um einer Rose willen verwirft, sehr anerkennend. Nicht unerwähnt soll auch Oskar Prell bleiben, der den Sklaven Rhamnes recht lobenswert verkörperte. Der neue Spielleiter,
Josef Dischner, zeigte sich als tüchtiger Regisseur, der, wie es scheint, sein Augenmerk neben einer geschmackvollen dekorativen Ausstattung auch auf wirkungsvolle Gruppierungen richtet. Die Theaterbesucher waren von der Ausführung sehr befriedigt.
Stadttheater.
Die Jessel`sche Operette „Die Postmeisterin“, die seit Monaten ununterbrochen am Zentraltheater in Berlin gespielt wird und auch hier im Mai bereits in Szene ging, ist wiederum in den Spielplan aufgenommen worden. Die Besetzung ist die gleiche wie früher; neu hinzugekommen sind Frl. Weise und Herr Kleinschmidt, der die Spielleitung führt. Nächste Woche wird als erste Schülervorstellung zu halben Preisen „Das Meeres und der Liebe Wellen“ gegeben.
Auf Schneiders Berg sind in den behaglichen Räumen allabendlich Kabarettvorträge von einigen Künstlern. Die Darbietungen bringen moderne Neuheiten aus dem Gebiete humoristischer Vortragskunst.